Horst Seehofer steht in dem Ruf, besonders für das S in seiner Partei, der CSU, zu stehen. Als ich erwähnt habe, dass ich mir Horst Seehofer im Amt des Gesundheitsministers vorstellen könne, mußte ich mir anhören, dass HorstSeehofer ein schwarzlackierter Sozialdemokrat sei, was sicher nicht als Kompliment für Horst Seehofer gemeint war. Seit November ist Horst Seehofer nun Minister für Verbraucherschutz und Landwirtschaft. Seine erste große Amtshandlung ist nun die Ankündigung, die Bevorzugung des Ökofoods bei der Förderung zu stoppen und den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft zu erleichtern. Während Horst Seehofer in der Gesundheitspolitik den Ruf hatte, sich auch mit einer finanzstarken Lobby anlegen zu können, öffnet Horst Seehofer den Lobbyinteressen in der Agrarpolitik Tür und Tor. Warum macht er das? Glaubt er wirklich daran, dass das “besser für die Menschen” ist, was er da entscheidet?
Dafür erntet Horst Seehofer in der Blogosphäre meist fundamentale Kritik, jedoch gibt es auch Stimmen, die auf seine Kompetenz vertrauen.
Inwieweit durch die Ersetzung einer grünen Klientelpolitik für Ökobauern durch die Ersetzung einer schwarzen Klintelpolitik für konventionelle Bauern richtig ist, ist wohl eine Glaubensfrage. Ich möchte mich hier lieber zur Gentechnik äußern, auch wenn die Biologie zugegebenermaßen nicht mein Spezialgebiet ist. Man möge mich also bitte korrigieren, wo ich falsch liege.
Ich meine, für den Einsatz von Gentechnik gibt es gute Gründe, aber es gibt eben auch Risiken und Nachteile. Ich denke, da muß man verursachergerechte Lösungen finden, so dass die Verursacher von gentechnikbedingten Umweltschäden dafür letztlich angemessen haften. Inwieweit bei einer entsprechend wirksamen Haftungsregelung noch Landwirtschaft mit genetisch veränderten Pflanzen möglich ist, mögen Versicherungsfachleute beurteilen.
Bei der Diskussion um Gentechnik kommt mir ein Aspekt jedoch definitiv zu kurz, nämlich der wettbewerbspolitische Effekt der Gentechnik. Bisher war das so, dass die Bauern dafür verantwortlich waren, dass wir gut und genug zu essen hatten. Mit der Gentechnik legen wir womöglich die Entscheidung, was wir essen oder das Vieh frißt, möglicherweise zukünftig in die Hände einiger weniger Großkonzerne. Und die haben möglicherweise in der Zukunft weniger Interesse daran, dass wir alle gut ernährt werden, als dass sie gut verdienen. Auf funktionierenden Märkten würde das zwar theoretisch zusammenfallen, weil niemand schlechtes Essen kaufen würde, aber auf den typischen monopolartig strukturierten Märkten des Informationszeitalters tritt häufig Marktversagen auf. Die Know-How der Nahrungsmitteltechnik ist mit Patenten rechtlich abgesichert, und so ist es für einen Bauern auch jetzt schon nur schwer möglich, etwas anzubauen, was er zwar für gut befindet, der Patentinhaber aber nicht möchte, dass er das selbst anbaut, weil er das für geschäftsschädigend hält, wenn er zukünftig weniger Saatgut kauft. Im Falle der Kartoffelsorte Linda gibt es da derzeit einen erbitterten Streit darum, dass der Patentinhaber nicht möchte, dass die Sorte wie gesetzlich vorgesehen nach Ablauf des Patents frei verfügbar ist. Zum Glück gibt es mutige Bauern, die die Kartoffelsorte auf eigene Faust vor dem Aussterben aus Geschäftsinteresse retten wollen, und mitdenkende Richter.
Wenn nun Gentechnik erlaubt wäre, was läge da näher, als mit Hilfe der Gentechnik erst mal dafür zu sorgen, dass Saatgut nicht mehr so ohne weiteres in Eigenregie legal oder rechtlich umstritten nachgezüchtet werden kann? Wenn sich das dann durch ein bißchen Samenflug und ungünstige Windverhältnisse noch so einsetzen ließe, dass sich normales Saatgut nur noch schwer vermehren ließe, dann hätte die Saatgutindustrie endlich ihre milliardenschweren Forschungen abgesichert und könnte ganz neue Renditeziele anstreben. Die Gentechnik würde dann also in Zukunft möglicherweise nicht mehr dazu eingesetzt, weil sie möglicherweise besser für die Menschen ist, sondern einfach nur, um die Vermehrung von Pflanzen zu verhindern und so die Rendite einzelner Großkonzerne zu bedienen.
Gegessen würde dann nicht mehr, was die Bauern uns anbieten, weil sie von der Qualität überzeugt sind, sondern dass, was die Saatgutindustrie uns vorsetzt. Zugegeben, ein Horroszenario. Aber angesichts der Vorgänge um die Kartoffelsorte Linda ist die Idee sicher nicht ganz abwegig. Wie wäre es denn damit, die Gentechnikunternehmen zuverpflichten, die gentechnischen Forschungen offenzulegen, die zur Zulassung einer Pflazensorte geführt haben, und nach einer recht kurzen Profitphase die Pflanzen samt ihrer Vermehrungstechnik als sekundäre Schöpfung der neuen Natur als Allgemeingut freizugeben? Ich mache also den Vorschlag, mit gesetzlichen Regelungen dafür zu sorgen, dass die genetisch veränderten Pflanzen, die in der Natur unter den trotz strenger Auflagen verbleibender Restrisiken freigesetzt werden sollen, dann auch bald zum Allgemeingut der Natur gehören sollen und die Patente darauf recht schnell auslaufen sollen.
Ich möchte keine im wesentlichen durch Patente und Firmengeheimnisse festgezimmerte monopolisierte Nahrungsmittelversorgung. Da sollte sich Horst Seehofer mal drum kümmern, wenn er denn nicht von der Saatgut- und Gentechniklobby gekauft ist. Wenn er die Renditemöglichkeiten durch das Sicherstellen der Verfügbarkeit der Gentechnik für jedermann drastisch einschränkt, dann würde ich Horst Seehofer vielleicht wieder glauben, es “besser für die Menschen” und es nicht nur besser für die Aktien von Saatgutproduzenten besitzenden Menschen machen zu wollen.
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der schwarzlackierte sozialdemokrat bestätigt sich.
kein marktwirtschaftlich denkender mensch würde die haftung von gentechnik einschränken. die haftung in deutschland ist ohnehin unterentwickelt. wenn ich gammelfleisch fresse habe ich anspruch auf rückerstattung des kaufpreises. da kriegen die hersteller richtig angst.
Von Horst Seehofer als ehemaligen Gesundheitsminister habe ich auch eine andere Einstellung erwartet. Ich stellte in meinem Beitrag auch die Frage ob Seehofer einen Deal mit der Gentech-Industrie hat. Sein politisches Comeback und die schnelle Entscheidung zur grünen Gentechnik läßt zumindest die Vermutung aufkommen. Hätten wir die Möglichkeit der Volksabstimmung, würden unsere Politiker im Sinne der Bürger entscheiden müssen (wie gerade in der Schweiz geschehen).
Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die gerade laufende Petition zur Volksabstimmung hinweisen.
http://itc.napier.ac.uk/e-Petition/bundestag/view_petition.asp?PetitionID=26
Die Zeichnungsfrist endet am 2.1.2006. Es wäre gut, wenn die Blogs ihre Öffentlichkeit nutzen und diese Petition bekannt machen. Bei großer Beteiligung wäre das zumindest ein Signal an unsere Politiker für mehr Demokratie und Mitspracherecht bei politischen Entscheidungen durch die Bürger.
Ich finde das Klasse. Meine KWS-Aktien haben seit Oktober rund 4% zugelegt.
@tim
Bei KWS geht es aber wohl eher um Biogas und Biodiesel, oder? Ich habe da eher an die steigende Marktmacht von Monsanto und Bayer gedacht.
Interessanterweise habe ich nun bei attac etwas im Netz gefunden, was ein recht ähnliches Bild von der Wettbewerbssituation bei Saatgut zeichent, wie ich das hier als Alptraum skizziert habe. So abwegig scheint das gar nicht zu sein, dass unser Essen ein Stückchen immer mehr von Kartellen großer Konzerne bestimmt wird.
Bei der KWS geht es um Pflanzenzucht. Auch um grüne Gentechnik. Nur haben die bisher in Deutschland auch in Sachen Forschung zurüchgehalten, weil die politischen Rahmenbedingungen so schlecht waren. Das kann sich schnell ändern. An der Börse werden ja Erwartungen honoriert. In den USA haben die letztes Jahr ein Gentechnik-Unternehmen “Producers Hybrids” gekauft und 60% der USA-Umsätze der Tochter “AgReliant” sind den gentechnisch verbesserten Produkten zu verdanken. In der Jahreshauptversammlung war zu entnehmen, dass voll auf grüne Gentechnik gesetzt wird. Es wäre schon mal gut, wenn hier die EU-Richtlinien 1:1 in Deutschland umgesetzt werden, was die neue Regierung bei einer Novellierung des Gentechnikgesetzes versprochen hat.
@Tim, ich hoffe Du machst nicht nur Geld mit Deinen Aktien, sondern Du und Deine Familie essen das Zeug auch.
Wenn man McD-Aktien hat, muss man noch lange nicht dort Essen gehen. Es soll auch Daimler-Aktionäre geben, die einen BMW fahren.
Bei und kommt nur Obst und Gemüse vom örtlichen Hofladen auf den Tisch - wir wohnen auf dem Land. Aber der Zucker, den wir kaufen ist sicher aus Rüben der KWS.
[…] Bereits im Dezember habe ich unter dem Titel Patentierte Nahrungsmittelversorgung mit freundlicher Unterstützung von Horst Seehofer (CSU) darauf aufmerksam gemacht, dass meiner Meinung nach die Gentechnik häufig weniger dazu dient, den Ernteertrag zu steigern, als vor allem dazu, dass Saatgut-Konzerne zur Gewinnsteigerung eine maximale Kontrolle über die lizenzkonforme Nutzung der von ihnen entwickelten Sorten erzielen können. So könnte beispielsweise die nicht lizenzkonforme Vermehrung von Saatgut durch Gentechnik unmöglich gemacht werden und sowie die legale Nutzung nach Ablauf des gesetzlichen Schutzes trotz gegenteiliger Rechtslage unterbunden werden. Mir liegt daran, dass es verschiedene Sorten von Saatgut gibt und die Landwirtschaft nicht vollkommen vom Wohlwollen der Saatgut-Konzerne abhängig wird. […]
[…] So wurde innerhalb der ersten 100 Tage beschlossen, die Mehrwertsteuer auf 19% zu erhöhen, 2006 aber trotzdem ein Schuldenhaushalt vorgelegt, eine Föderalismusreform beschlossen, die föderale Finanzverfassung als Kern jedoch ausgeklammert, Frank-Walter Steinmeier wurde von Dick Cheney GeorgeW. Bush angeschossen und Angela Merkel profiliert sich als Außenpolitikerin, Horst Seehofer will uns patentierte Gentechnik im Essen aufzwingen und unter 25-jährigen wurde die Solidarität der Gesellschaft komplett aufgekündigt. Und Bernd Neumann ist ohnehin eine Klasse für sich. […]